„Zwischen Laufbahn und Hörsaal: Annika Müller über Leistungssport, Studium und Ziele“
Annika Müller studiert im ersten Semester Sportmanagement an der DHBW Heilbronn und ist Spitzensport-Stipendiatin. Parallel trainiert sie als Läuferin für nationale Wettkämpfe – und arbeitet in der Praxisphase bei der Sektion Heilbronn des Deutschen Alpenvereins (DAV). Im Interview spricht sie über ihren Alltag zwischen Hörsaal, Büro und Trainingsstrecke, ihre Erfahrungen in den USA und darüber, was ihr im Sport wirklich wichtig ist.
Annika, wie sieht Ihre Praxisphase beim DAV Heilbronn aus?
Ich arbeite in der Geschäftsstelle der DAV-Sektion Heilbronn – mit rund 19.000 Mitgliedern sind wir eine der größten Sektionen. Dadurch gibt es viele unterschiedliche Aufgaben, in die ich eingebunden bin. Ich übernehme zum Beispiel redaktionelle Aufgaben für unsere Vereinszeitung „Heilbronner Weg“, unterstütze bei Finanzierungsanträgen und bin im Mitgliedermanagement tätig.
Besonders schätze ich, dass ich sehr selbstständig arbeiten kann und in Projekte wirklich eingebunden werde. Das Arbeitsklima ist hervorragend, wir haben kurze Wege und einen offenen Austausch. Außerdem bin ich nicht nur im Büro, sondern auch häufig in der Kletterarena unterwegs, die die Sektion betreibt und sich im selben Gebäude befindet. Diese Mischung aus organisatorischer Arbeit und direktem Kontakt mit Mitgliedern und Sportangeboten passt perfekt zu meinem Studiengang.
Für mein Studium bin ich aus der Pfalz nach Heilbronn gezogen. Vieles erreiche ich innerhalb weniger Minuten mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln – das macht meinen Alltag deutlich entspannter. Mein dualer Partner unterstützt mich im Sport sehr: Die Arbeitszeiten sind flexibel und gut mit meinen Trainingszeiten vereinbar. Ohne diese Rücksichtnahme wäre die Kombination aus Spitzensport und Studium deutlich schwieriger.
Wie gut lässt sich Spitzensport mit dem Studium an der DHBW Heilbronn vereinbaren?
Für mich ist die Unterstützung durch das Spitzensport-Stipendium ein wichtiger Baustein. Ich habe einen festen Ansprechpartner und Betreuer und weiß, dass ich mich bei organisatorischen Fragen jederzeit melden kann. Auch wenn es um das Training auf der Laufbahn oder im Fitnessstudio geht, finde ich beim Spitzensport-Stipendium Unterstützung. Im Studiengang selbst fühle ich mich gut aufgehoben – Studiengangsleiter Prof. Dirk Schwarzer und das Team haben ein offenes Ohr für die Anforderungen im Spitzensport.
In meiner Sportart, dem Laufen, ist das Training grundsätzlich gut mit dem Studium kombinierbar. Als Individualsportlerin bin ich relativ flexibel: Ich brauche im Grunde nur meine Laufschuhe, kein aufwendiges Equipment oder viele Absprachen mit einem Team. Mit meiner Trainerin Tanja Hellmann arbeite ich seit über sieben Jahren zusammen. Gemeinsam planen wir mein Training und passen uns flexibel meinem Alltag an. Viele Trainingsbestandteile– je nach Tagesplan – jederzeit einbauen - egal, ob um 6 Uhr morgens oder um 20 Uhr abends. Das hilft enorm, um Trainingseinheiten mit Vorlesungen und Lernphasen abzustimmen.
Wie haben Sie die ersten Monate im Studium erlebt?
Studieren an der DHBW Heilbronn bedeutet für mich vor allem: lange, konzentrierte Tage auf dem Bildungscampus. Das Tempo ist hoch, die Theoriephasen sind intensiv und nicht so flexibel wie der Arbeitsalltag in der Praxisphase. Gerade deshalb ist eine gute Organisation wichtig – sowohl mit Blick auf das Lernen als auch auf das Training. Ich denke, meine Routine wird sich mit der nächsten Theoriephase noch weiterentwickeln.
Schon im ersten Semester konnten wir in der Vorlesung „Geschäftsmodelle in der Dienstleistungsbranche“ eigene Ideen mit dem Schwerpunkt Sportmanagement entwickeln. Das hat mir direkt gezeigt, wie praxisnah das Studium angelegt ist. Viele Inhalte kann ich recht schnell mit meinen Erfahrungen im Vereinssport und beim DAV verknüpfen.
Welche Disziplinen laufen Sie und wo sehen Sie Ihr größtes Potenzial?
Ich starte vor allem über 3.000, 5.000 und 10.000 Meter – und das auf sehr unterschiedlichem Untergrund: im Leichtathletikstadion, in der Halle, beim Crosslauf (Geländelauf), auf der Straße oder auch bei Berglaufmeisterschaften. Diese Abwechslung macht die Leichtathletik für mich besonders spannend.
Mein größtes Potenzial sehe ich aktuell auf der 5-km-Distanz. Momentan liegt meine persönliche Bestzeit bei 19 Minuten und 10 Sekunden. Die Saison fängt gerade erst an - für die nächsten Monate habe ich große Ziele.
Bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften am 14. Februar in Erfurt konnte ich über die 3.000 Meter Distanz Platz 10 belegen. Mit einer Zeit von 11.05 Minuten bin ich mit meiner Leistung sehr zufrieden. Dass ich als DHBW-Studentin an solchen Meisterschaften teilnehmen kann, ist für mich eine besondere Motivation.
Was bedeutet Erfolg für Sie persönlich?
Erfolg ist für mich mehr als nur eine Zeit oder eine Platzierung. Besonders wertvoll sind gute Rennen nach längeren Pausen – zum Beispiel nach Verletzungen oder Phasen mit reduziertem Training. Dann wieder an der Startlinie zu stehen, am Wettkampf teilzunehmen und eine gute Leistung abzurufen, fühlt sich für mich wie ein doppelter Erfolg an.
Natürlich freue ich mich auch über gute Platzierungen. Bisher war ein Highlight für mich der vierte Platz bei den süddeutschen Meisterschaften über 5.000 Meter. Gleichzeitig hat mir das Laufen viele Türen geöffnet – zum Beispiel die Möglichkeit, mit einem Sportstipendium in den USA zu studieren. Solche Erfahrungen sehe ich ebenfalls als sportlichen Erfolg.
Sie waren mit einem Sportstipendium an der Missouri Western State University. Wie haben Sie diese Zeit wahrgenommen?
Das Jahr in St. Joseph war in vielerlei Hinsicht prägend. Die Trainingsbedingungen dort unterscheiden sich deutlich von denen in Deutschland. Wir hatten Sportstätten, Physiotherapie, unsere Trainer und einen separaten Krafttrainingsraum für uns Athleten mit zusätzlichen Trainern direkt auf dem Campus. Dadurch stand mir ein sehr professionelles Umfeld zur Verfügung.
Auch die Trainingsmethoden und der Umfang waren anders: Ich habe teils zweimal täglich trainiert, mit einem Ruhetag pro Woche. Es gab praktisch keine wirkliche „Off-Season“ – von September bis November fanden Crossläufe statt, anschließend ging es bis März mit Hallenwettkämpfen weiter. Direkt darauffolgend ging es in die „Outdoor-Season“. Etwa alle ein bis zwei Wochen stand ein Wettkampf an. Das war intensiv, aber ich konnte das Laufen noch einmal ganz neu für mich entdecken.
Welche Vorteile und welche Herausforderungen haben Sie in den USA erlebt?
Zu den größten Vorteilen zählten für mich die professionellen Trainingsbedingungen und die klare Struktur im Alltag. Vieles war für uns Athletinnen geregelt und organisiert – vom Training über die Fahrten zu Wettkämpfen bis zu bestimmten Abläufen im Studium.
Die Herausforderungen lagen eher im Persönlichen: die Umstellung auf eine andere Sprache, eine neue Kultur und das College-System. Und natürlich gab es immer wieder Phasen von Heimweh. Insgesamt war es aber eine tolle Erfahrung, die mich sportlich und persönlich sehr weitergebracht
Sie kommen aus einer sportlichen Familie. Wie wichtig ist Ihnen diese Unterstützung?
Meine beiden Brüder sind 15 und 18 Jahre alt – und beide ebenfalls Läufer. Auch wenn wir leider selten zusammen trainieren und die Wettkämpfe oft getrennt stattfinden, teilen wir die Begeisterung für den Sport. Das verbindet.
Mit sechs Jahren habe ich mit Leichtathletik angefangen, seit etwa acht Jahren trainiere ich bei der LG Rülzheim. Meine Familie unterstützt uns Kinder die ganze Zeit, wir waren in den letzten Jahren gemeinsam auf unzähligen Wettkämpfen unterwegs. Diese Rückendeckung gibt mir viel Halt – gerade, wenn Studium, Training und Wettkämpfe gleichzeitig viel abverlangen. Viel verdanke ich meiner Trainerin Tanja Hellmann, die mich seit sieben Jahren begleitet.
Was ist Ihnen mit Blick auf die Zukunft besonders wichtig?
Natürlich möchte ich schneller werden, neue Bestzeiten laufen und mich sportlich weiterentwickeln. Es macht Spaß, Ziele zu haben und darauf hinzuarbeiten.
Noch wichtiger ist mir aber, gesund zu bleiben – körperlich und mental. Spitzensport ist ein langfristiges Projekt. Nur wenn man gut auf sich achtet, kann man über viele Jahre leistungsfähig bleiben. Für mich heißt das: auf den Körper hören, Erholungsphasen ernst nehmen und nicht dauerhaft im Defizit leben.
Welchen Rat würden Sie jungen Läuferinnen und Läufern geben?
Ich finde es wichtig, den eigenen Weg zu gehen und die sportliche Laufbahn als Reise zu sehen. Man sollte alles mitnehmen, was dieser Sport ermöglicht: neue Menschen kennenlernen, Kameradschaften schließen, vielleicht auch Chancen wie ein Sportstipendium im Ausland nutzen.
Es wird Phasen geben, in denen keine Bestzeiten fallen. Gerade dann lohnt es sich, dranzubleiben und dankbar zu sein – zum Beispiel für einen Trainingslauf nach einem langen, stressigen Tag, der hilft, den Kopf freizubekommen.
Vor allem für junge Athletinnen ist es wichtig, gut auf den eigenen Körper zu hören. Dazu gehört regelmäßiges und ausgewogenes Essen, ausreichend Schlaf und echte Erholungspausen. Man kann das Training anpassen, wenn es einem nicht gut geht. Wenn man den Sport langfristig betreiben will, ist Gesundheit ein großes Gut – und die Basis dafür, auch im Studium und im Berufsleben leistungsfähig zu bleiben.
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