Soziale Arbeit trifft KI: DHBW Heilbronn will mit neuem Studienangebot den Sozialsektor fit für die Zukunft machen
Beim „Zukunftstag Soziale Arbeit & Künstliche Intelligenz“ am 26. März 2026 wurde deutlich: Die Soziale Arbeit will im entstehenden KI-Ökosystem der Region nicht länger nur Beobachterin sein, sondern aktive Mitgestalterin. Vertreter*innen von Wohlfahrtsverbänden, Kommunen, Hochschulen, Start-ups und Verwaltung diskutierten, wie KI sinnvoll und verantwortungsvoll im Sozialwesen eingesetzt werden kann. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie künstliche Intelligenz und Digitalisierung die soziale Praxis unterstützen können – und warum gerade Heilbronn der Ort ist, an dem Soziale Arbeit und KI strategisch zusammenfinden sollen. Zugleich bildete der Tag den Rahmen, um das neue Studienangebot Sozialmanagement Digitalisierung und KI der DHBW Heidenheim in Kooperation mit der DHBW Heilbronn vorzustellen, mit dem beide Standorte künftig Fachkräfte für diese Schnittstelle qualifizieren wollen.
Zu Beginn des Zukunftstags begrüßte Karl-Friedrich Bretz, Vorsitzender der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände Heilbronn und Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands Heilbronn, die Gäste im vollbesetzten Saal. In der Sozialen Arbeit spiele KI bisher „praktisch keine Rolle“, es fehle oft sogar ein Überblick über mögliche Handlungsfelder. Gleichzeitig sei die Soziale Arbeit einer der größten Arbeitgeber in Deutschland – im entstehenden KI-Ökosystem aber kaum als Partnerin oder Kundin sichtbar. Das müsse sich nun ändern, der Zukunftstag solle den Auftakt dazu markieren.
Neues Studienangebot als Antwort auf den Wandel
Prof. Dr. Nicole Graf, Rektorin der DHBW Heilbronn, betonte, wie sich geistige Arbeit durch KI grundlegend verändere: „Das betrifft alle Länder und alle Branchen“. Um für dieses neue Themenfeld Fachkräfte zu qualifizieren, starte deshalb diesen Herbst an der DHBW Heilbronn in Kooperation mit der DHBW Heidenheim eine neue Studienrichtung Sozialmanagement, die den Schwerpunkt auf Digitalisierung und KI legt und die in dieser Form bislang einzigartig sei. Der duale Bachelorstudiengang richte sich an Studierende, die Soziale Arbeit mit Management- und Digitalkompetenzen verbinden wollen. Gemeinsam mit den Professor*innen Michael Batz, Claudia Mayer und Bärbel Amerein von der DHBW Heidenheim solle das Studienangebot ab Herbst in Heilbronn etabliert werden. Außerdem sei ein Studiengang Soziale Arbeit in Teilzeit geplant, der in fünf statt der üblichen drei Jahre zum Bachelorabschluss führe. „Die Kooperation mit Heidenheim ist für uns ein großer Gewinn“, betont Graf. „Wir bündeln unsere Erfahrungen in der Sozialen Arbeit, im Sozialmanagement und in der KI-Ausbildung und machen daraus ein Angebot, das den Nerv der Region trifft.“
Für Graf fügt sich das neue Studienangebot in die Entwicklung des Bildungs- und Wirtschaftsstandorts Heilbronn ein. „Der Bildungscampus Heilbronn ist in den letzten 15 Jahren aus einer stark industriell geprägten Region heraus entstanden. Viele haben sich damals gefragt, ob das funktionieren kann. Die Dynamik, mit der sich der Campus und die Stadt entwickelt haben, konnte sich damals kaum jemand vorstellen“, sagte sie. Heute sei der Campus ein dichtes Ökosystem aus Hochschulen, Forschung und Unternehmen. Ursprünglich habe der Schwerpunkt der DHBW Heilbronn im Bereich Lebensmittelbranche und Handel gelegen, „doch in den vergangenen Jahren sind wir vor allem im Bereich der IT-nahen Studiengänge stark gewachsen – insbesondere in Data Science und Künstlicher Intelligenz“. Vor diesem Hintergrund versteht Graf den neuen Studiengang als konsequenten nächsten Schritt der Profilbildung: „Unsere Studiengänge haben wir immer so entwickelt, dass sie einen regionalen Bedarf abbilden. Das gilt jetzt auch für die Studienrichtung Sozialmanagement mit Schwerpunkt Digitalisierung und KI“.
Wissenschaftliche Weiterbildung als Schlüssel im KI-Transformationsprozess
Prof. Dr. Paul-Stefan Roß, Dekan am DHBW Center for Advanced Studies (CAS) für den Bereich Sozialwesen/Gesundheit, beschrieb das CAS als „Masterschmiede“ und größten Anbieter wissenschaftlicher Weiterbildung in Baden-Württemberg. Dort werden berufsbegleitende, wissenschaftlich fundierte duale Programme entwickelt – auch für soziale Organisationen, die sich systematisch mit KI und Digitalisierung auseinandersetzen wollen, so z.B. das Programm Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. „Soziale Arbeit und KI gehören zusammen“, betonte Roß, es stecke viel Potenzial in diesem Austausch.
Orientierung, Austausch und klare Werte: Zanker-Belz und Gonser zum Auftrag des Zukunftstags
Die beiden Mitinitiatorinnen des Zukunftstags, Annette Zanker-Belz (Paritätischer Wohlfahrtsverband BW e.V.) und Prof. Dr. Monika Gonser (Intersectoral School of Governance BW), betonten in ihren Beiträgen die Bedeutung von Austausch, Vernetzung und einer bewusst gestalteten KI-Entwicklung im Sozialwesen. Zanker-Belz verwies auf den „Markt der Möglichkeiten“, fünf praxisorientierte Workshops sowie eine digitale Dokumentation der Veranstaltung und stellte klar, dass KI „nicht um der KI willen“ eingeführt werden dürfe, sondern immer von konkreten Problemen und Lösungsbedarfen in den Einrichtungen her zu denken sei. Gonser umriss den Anspruch des Zukunftstags als Raum für Orientierung und Dialog: Es gehe darum, einen Überblick über relevante Themen zu gewinnen, sich frühzeitig zu vernetzen und nicht bei der Technologie stehen zu bleiben, sondern die gesellschaftlichen Folgen mitzudenken. Im Mittelpunkt stehe die Frage, was mit KI tatsächlich geleistet werden solle, welche Tools sinnvoll seien – und vor allem, welche Entwicklungen im Sozialwesen ausdrücklich nicht gewünscht sind.
KI-Standort Heilbronn: Soziale Perspektive stärken
Mehrere Beiträge unterstrichen, dass der soziale Bereich im rasch wachsenden KI-Standort Heilbronn bislang unterrepräsentiert ist, obwohl hier sehr viele Menschen im Sozialwesen arbeiten. Prof. Dr. Nicola Marsden von der Hochschule Heilbronn warnte davor, dass KI gesellschaftliche Verzerrungen verstärken könne, wenn soziale Perspektiven in Entwicklung und Anwendung fehlten.
Impulse aus der Wirtschaftsinformatik der Professor*innen Aliona von der Trenck und Giacomo Welsch von der DHBW Heilbronn zeigten, dass Digitalisierung Voraussetzung für sinnvolle KI-Nutzung ist: Zuerst Prozesse standardisieren und Daten erfassen, dann KI gezielt als „Sparringspartner“ einsetzen – nicht jede Herausforderung erfordere eine KI-Lösung.
KI-Kompetenzen gezielt aufbauen: Upskilling & Reskilling
Besonderes Augenmerk lag auch auf der Qualifizierung von Fach- und Führungskräften. Im Workshop „Upskilling & Reskilling: KI-Weiterbildungsplanung und Weiterbildungsformate im Sozialwesen“ gaben Carolin Ackermann (TUM gGmbH) und Aniko Uj (DHBW Heilbronn) einen Überblick zu Entwicklungen in der Arbeitswelt durch KI und den daraus entstehenden Anforderungen an KI-Kompetenzen. In Kleingruppen diskutierten die Teilnehmenden praktische Erfahrungen, geeignete Formate und künftige Bedarfe. Zum Abschluss präsentierte das Projekt AI TRAQC konkrete Weiterbildungsangebote und Tools, die soziale Organisationen bei der Umsetzung eigener KI-Weiterbildungsmaßnahmen unterstützen.
AI Inspire: Netzwerk für KI im Sozialwesen
Mit der Netzwerkinitiative „AI Inspire“ soll sich Heilbronn zu einem Leuchtturm-Standort für KI im Sozialwesen entwickeln. Im Fokus stehen Bildung und Kompetenzaufbau, konkrete Use Cases, Forschung in Reallaboren, Governance-Strukturen und der öffentliche Transfer – stets unter dem Leitprinzip „Human in the Lead“.
Ausblick: Startschuss für langfristige Zusammenarbeit
Der Zukunftstag dürfe kein einmaliges Ereignis bleiben, so das Fazit der Beteiligten. Jetzt komme es darauf an, gemeinsam an dem Thema weiterzuarbeiten – in Lehre, Forschung und Praxis. Nur so werde aus KI im Sozialwesen nicht ein abstraktes Schlagwort, sondern ein Werkzeug für mehr Teilhabe, Gerechtigkeit und Qualität in der Sozialen Arbeit.

