Kunst auf Augenhöhe – Neue Ausstellung an der DHBW Heilbronn mit den Bewohnern der Atoll WG‘s eröffnet

Am Donnerstag in der letzten Woche wurde die neue Doppel-Ausstellung „Lebens(t)räume x Leben“ in den Räumen der DHBW Heilbronn eröffnet. Zum ersten Mal zeigten die Künstler Stefan Heilemann, Nico Kurth und Björn Springorum ihre Portraits und Filme an einem Ort.

Prorektor Prof. Dr. Tomás Bayón grüßte die 150 Gäste mit den Worten: „Dieses Mal entführt uns die Kunst in wirklich andere Lebensräume. Vielleicht ist das der Ausgangspunkt zu überlegen: Was bedeutet Inklusion? Und was bedeutet es für mich?“ Mit diesem Thema setzen sich auch die Studierenden des neuen Studiengangs Soziale Arbeit auseinander. Anette Zanker-Belz, Wegbegleiterin des neuen Studienangebots und Leitung des Paritätischen Wohlfahrtverbands; freute sich über die einzigartige Möglichkeit, Brücken zu bauen und miteinander ins Gespräch zu kommen. 

Porträts zwischen Innenwelt und Außenwahrnehmung
Thuan ist 55 Jahre alt, digitaler Experte, hat Psychologie studiert und ist Verfechter des Humanismus. In der Corona-Pandemie hat er 180 Familien geholfen, die digitale Schule und das Homeoffice aufzusetzen. Sein Portrait von Stefan Heilemann zeigt ihn mit einem vietnamesischen Bauernhut – Teil seiner Herkunft – im Hintergrund die großen Humanisten, Mutter Teresa, der Dalai Lama, vorn läuft das Bild im Binärcode aus. Dann schaut man auf das Portrait von Nico Kurth und merkt: Thuan sitzt im Rollstuhl. Beides ist Teil einer Realität. Leider ist nur der Rollstuhl oft das, was die anderen Menschen auf der Straße wahrnehmen. „Ich wünsche mir, dass Leute uns offen begegnen, ohne Vorurteile im Kopf“, sagt Thuan den Besuchern der Vernissage. 

Die Portraits der Künstler Stefan Heilemann und Nico Kurth bringen beides zusammen: die innere Vielfalt und die äußere Fragilität und – manchmal – die harsche Realität. Nico Kurth hat die Bewohner der WG Atoll drei Jahre lang begleitet und sie in Alltagssituationen, bei Brandschutzübungen und Vereinssitzungen fotografiert. Zu Beginn war er besorgt, nicht auf Augenhöhe, nicht politisch korrekt zu agieren. „Aber dann habe ich gemerkt, dass ich einfach nur ich selbst sein musste.“ Jede Aufnahme erzählt von einem Augenblick, von Vertrauen, Freundschaften und Emotionen. Emotionen, die alle verbinden: Hoffnung, Stärke, Einsamkeit. Auch Stefan Heilemann hatte am Anfang Bedenken: Wie würde alles laufen? Werde ich akzeptiert? Aber alles war kein Problem: die Offenheit der Bewohner, die Lust am Kreativsein, ihre Neugier haben alles einfach gemacht. Der bewegendste Moment des Projekts? Der Augenblick, als die Bewohner ihre Bilder zum ersten Mal sahen. 

Die filmische Perspektive 
Drehgenehmigungen für das nächste Projekt, den Film „Lebens(t)räume“ von Björn Springorum waren kein Problem. Gemeinsam mit dem Künstler und Stefan Heilemann an der Kamera haben die Atoll-Bewohner die Stadt erobert: die Experimenta, den Neckarbogen, das Hartmanns. Die Arbeiten am Film haben die Perspektive von Björn Springorum auf den normalen Alltag für immer verändert: Dauert die Ampelphase lang genug, dass man im Rollstuhl die Straße überqueren kann? Ist der Bordstein zu hoch? Öffnet die Tür automatisch oder muss sie jemand aufhalten?

Co-Kreationen mit den WG-Bewohnerinnen und Bewohnern 
Für Stefan Heilemann ist jedes einzelne Werk eine Co-Kreation mit den Bewohnern der Atoll-WG: Die Ideen entstanden in kreativen Kleingruppen und jeder konnte seine Vorstellungen, Wünsche und Träume einbringen: Benni führt als Wikinger eine Armee von Soldaten, Tanja posiert als Drachenkönigin aus der Fantasy-Saga Game of Thrones, umrahmt von Raben und einem hellen Mond, eine Hommage an ihre Lieblingsband Silbermond. Wenn Tanja von Konzerten und Filmen erzählt, leuchten ihre Augen. Egal ob Stuttgart oder Heilbronn, wenn ihre Lieblingskünstler auf der Bühne stehen, schnappt sie sich einen Assistenten und zieht los. Da verpasst sie schon mal eine Ausstellungseröffnung. Das ist schade, denn – ganz im Sinne der Teilhabe – finden die Ausstellungen und Vernissagen nicht über, sondern mit den Bewohnern der WG statt. Im Anschluss an die Eröffnung führen die Atoll-Bewohner*innen alle Gäste auf Wunsch durch die Stockwerke und erklären den Entstehungsprozess oder ihre Portraits. 

Orte für Begegnungen schaffen
Der entscheidende Grund für den Geschäftsführer des Vereins Atoll e.V., André Ettl, Kunst und Soziale Arbeit zu verbinden, ist Anlässe und Orte für Begegnungen zu schaffen, die sonst nicht zustande kommen. Mit renommierten Künstlern zu arbeiten, ist dabei ein großes Privileg: Ettl empfindet es als Glück, dass er mit Kurth, Heilemann und Springorum drei Künstler gewinnen konnte, die sich trotz ihres vollen Terminkalenders auf dieses sensible und nicht einfache Thema eingelassen haben. Mit den Kunst-Projekten legen André Ettl und sein Team ganz bewusst den Fokus auf Dinge, die trotz Behinderung gelingen können und zeigt, dass mit diesen Projekten viel Kreativität, Energie und Freude sowohl bei den Bewohner*innen, wie auch bei den Menschen die Ihnen begegnen freigesetzt wird. 

„So eine Ausstellung ist vor allem eins: viel Arbeit“, kommentiert Ettl zum Schluss ganz pragmatisch. Aber der Idealist in ihm weiß, dass sich diese Arbeit lohnt. Wie man Kunst, Kultur und soziale Arbeit verbindet, hat Ettl gelernt, als er in der Schweiz lebte und arbeitete. Dann hat er dieses Konzept nach Deutschland importiert. Es entstehen neue Räume - für die Besucher, die Künstler und die Bewohner. Die Ideen gehen ihm nicht aus, man darf auf neue Projekte gespannt sein. 

 

Informationen zur Ausstellung

Ausstellung: „Lebens(t)räume x Leben“

Zeitraum: Oktober 2026 bis März 2027

Ort: DHBW Heilbronn, Gebäude 4, Bildungscampus

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr

Führungen: Führungen durch Bewohnerinnen und Bewohner der Atoll-WGs auf Anfrage

 

atoll e.V.: ATOLL ist ein Akronym aus den Worten autark – tolerant – offen – lernfähig – lebensfroh. Der Atoll-Verein ist vor dreißig Jahren aus einer Elterninitiative in Frankenbach entstanden. Gegründet wurde er mit dem Ziel, Menschen mit körperlichen Einschränkungen die Möglichkeit auf ein aktives Leben zu eröffnen. Inzwischen assistiert der Verein 22 Menschen in WG’s in der Südstadt und am Neckarbogen und in eigenen Wohnungen. Die zentrale Lage ist für die Bewohner wichtig – so können sie schnell in die Stadt – auch ohne Taxi.