Heilbronn auf dem Weg zur European Green Capital 2027: Baubürgermeister Andreas Ringle im Studium Generale an der DHBW Heilbronn

Beim Studium Generale der DHBW Heilbronn sprach Baubürgermeister Andreas Ringle mit Erstsemestern über Heilbronns Weg zur „European Green Capital 2027“, den Wandel der Stadt – und die Frage, ob wir eher zukunftszugewandt wie Bertha Benz oder zögerlich wie Kaiser Wilhelm II handeln.

Mit der Frage „Sind wir Wilhelm oder Bertha?“ eröffnete Baubürgermeister Andreas Ringle seinen Vortrag beim Studium Generale an der DHBW Heilbronn. Gemeint sind Bertha Benz, die mit ihrer legendären Fernfahrt die Entwicklung des Automobils entscheidend vorantrieb, und Kaiser Wilhelm II., der trotz aller Anzeichen weiter auf das Pferd setzte.

„Bertha Benz steht für Mut, Weitblick und die Bereitschaft, Neues tatsächlich auszuprobieren“, so Ringle. „Heilbronn will genau diese Haltung einnehmen: nicht abwarten, sondern gestalten.“ Rektorin Prof. Dr. Nicole Graf griff das Thema in ihrem Grußwort auf: „Heilbronn hat in den letzten Jahren einen gigantischen Wandel erlebt.“

Heilbronn zwischen Tradition und Aufbruch
Ringle, seit 2022 Baubürgermeister der Stadt Heilbronn, skizzierte den Wandel der Stadt: von der zerstörten Stadt der Nachkriegszeit über die Industriestadt hin zur Wissensstadt. Heilbronn verfüge mit seiner Lage in der „Weinbergsarena“, am Neckar und mit einer traditionsreichen Kulturlandschaft über starke Ausgangsbedingungen. Zugleich sei der Veränderungsdruck hoch – etwa durch den Klimawandel und die starke Versiegelung der Innenstadt.

Ein zentrales Signal für diesen Wandel ist die Auszeichnung Heilbronns als European Green Capital 2027 (EGC). Nach Hamburg und Essen ist Heilbronn die dritte deutsche Stadt, die diesen Titel erhält – in einer Reihe mit Städten wie Stockholm, Kopenhagen, Lissabon oder Grenoble. „Der Titel richtet sich ausdrücklich an Städte im Wandel, die ihre Zukunft aktiv und dynamisch gestalten“, erklärte Ringle. „Heilbronn passt genau in dieses Profil.“

Grüne Stadtentwicklung: IPAI, Seilbahn und neue Quartiere

In seinem Vortrag stellte Ringle zentrale Projekte vor, mit denen Heilbronn bis 2027 und darüber hinaus die Weichen stellt:

  • IPAI – neues KI-Ökosystem und Stadtteil: In Heilbronn entsteht ein neuer Stadtteil rund um das „Innovation Park Artificial Intelligence“ (IPAI). Forschung und Mittelstand sollen dort zusammenkommen, das Gebiet weitgehend autofrei bleiben. Nur rund 30 Prozent der künftigen Beschäftigten sollen mit dem Auto anreisen.
  • Seilbahn als ÖPNV-Mittel: Eine Seilbahn soll den IPAI, den Bildungscampus und den Hauptbahnhof verbinden. Sie wäre das erste derartige Verkehrsmittel im öffentlichen Nahverkehr in Deutschland und laut einer umfassenden Studie die beste Lösung für diese Achse. 
  • Weiterentwicklung des Bildungscampus und Campusparks: Der Neckaruferpark wird Heimat neuer Gebäude des Bildungscampus mit einer geplanten Schwimmhalle und Sportzentrum, das in Randzeiten der Öffentlichkeit offensteht. Vier neue Gebäude sollen Raum zum Forschen, Lernen und Wohnen bieten – Stadtleben und Hochschulleben rücken dichter zusammen.
  • Neckarufer und Innenstadt: Die Neckartreppen werden erweitert, um den Zugang zum Fluss zu verbessern. Parallel dazu plant die Stadt Projekte, mehr Grün in stark versiegelten Bereichen und Konzepte für eine „Wissensstadt“, die zum IPAI passt: weltoffen, attraktiv und nachhaltig.

„Wandel gehört zur DNA Heilbronns“, betonte Ringle. „Vom Bahnareal zur Bundesgartenschau, von der zerbombten Stadt zum Industriezentrum, vom Neckarbogen bis zur European Green Capital – wir entwickeln die Stadt Schritt für Schritt weiter.“

Fragen der Studierenden: Innenstadtgrün, Wohnen und Klimaanpassung
Im Anschluss an den Vortrag nutzten Studierende  die Gelegenheit, ihre Fragen zu stellen. Ein zentrales Thema war die Begrünung der Innenstadt. Ringle erläuterte, dass Heilbronn zu den heißeren Städten Deutschlands zählt und in der Innenstadt derzeit nur etwa drei Prozent Grünflächen vorhanden sind. Nach dem Krieg sei die Stadt zunächst autoorientiert wiederaufgebaut worden; die ursprüngliche Planung einer Gartenstadt sei verloren gegangen. Ziel sei es nun, durch gezielte Projekte mehr Grün und Aufenthaltsqualität in die Innenstadt zu bringen.

Auch das Thema Wohnen und Wohnheime stand im Fokus. Für Studierende sind zwei neue Wohnheime in der Nähe der Alten Reederei und an der Rosenbergbrücke geplant; zudem besteht der Wunsch, das Wollhaus künftig stärker zu beleben. Mit Blick auf Klimaanpassung und Hochwasserschutz fragten Studierende nach der Sicherheit der geplanten Seilbahn und der Nutzung des Neckars als Lebensraum angesichts extremer Wetterereignisse. Ringle betonte, dass alle Projekte auf Grundlage umfassender Analysen geplant würden und Hochwasserschutz, Resilienz und Klimaanpassung integrale Bestandteile der Stadtentwicklungsstrategie seien.

Beteiligung der Hochschule: Von nachhaltiger Beschilderung bis zum „Leibgericht der Zukunft“
Rektorin Prof. Dr. Nicole Graf lenkte den Blick zum Abschluss auf die Rolle der Hochschule: „Unsere Studierenden sind nicht nur Beobachterinnen und Beobachter der Stadtentwicklung, sondern aktive Mitgestaltende.“ Bereits jetzt arbeiten Studierende des Studiengangs Dienstleistungsmanagement an einem Beschilderungssystem für die European Green Capital 2027 und an der Ausarbeitung verschiedener Touren durch Heilbronn.

Zugleich lud Graf die Studierenden zu weiteren Ideen ein – beispielsweise für ein neues „Heilbronner Leibgericht“, das sich an modernen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert und die bisherige regionale Tradition („Bubenspätzle, Spätzle und Maultaschen“) kreativ weiterdenkt.
„Wir haben heute viel Lust auf die Zukunft bekommen", zog Nicole Graf das Fazit. „Wenn Stadt und Hochschule gemeinsam an Projekten arbeiten, entsteht genau die positive Energie, die wir für eine nachhaltige, lebenswerte Stadt brauchen.“