Aus dem Rahmen gefallen: Künstlerin MARTHE eröffnete Ausstellung „big.small.weird.“ an der DHBW Heilbronn

Die neuen schweren Leinen im Foyer der DHBW Heilbronn sind kein passendes Lounge-Accessoire, keine Vorhänge, die die Welt außen halten. Es sind die rohen, farbenprächtigen Werke der Künstlerin MARTHE, Leinwände, die selbst in neue Welten einladen. Ihre Ausstellung „big.small.weird.“ wurde am letzten Donnerstag mit einer Vernissage eröffnet.

Rektorin Prof. Dr. Nicole Graf freute sich über ein besonderes Jubiläum: „Wir begrüßen heute die die Künstlerin MARTHE zu unserer 30. Vernissage an der DHBW Heilbronn. Wir haben diese Tradition 2011 an unserer Studienakademie begründet und freuen uns, in jedem Jahr neue Künstler willkommen zu heißen.“ Und ergänzt: „Wenn ich heute durch die drei Stockwerke gehe, scheint es fast, als würden mehrere Künstler ausstellen – so facettenreich ist ihre Kunst.“

Unterwegs zwischen Ländern und Werkzyklen
Der Weg durch die Stockwerke gleicht beinahe einer Retrospektive. MARTHE arbeitet in Zyklen: HUMANITAS VULNERABLE zeigt die Lust am physischen Körper und Weiblichkeit in ihren vielen Formen – verbunden mit der Verletzlichkeit der menschlichen Hülle. VAKUUM FORTE umfasst großformatige Schüttbilder auf Leinen, entstanden während der Pandemie als Spiegel gesellschaftlicher Spaltung, zunächst in Schwarz und Weiß. Manche Zyklen begleiten MARTHE über Monate, andere bleiben Projekte mit offenem Ende.
2017 begann sie im Osthafen Regensburg, Seecontainer zu fotografieren. Seitdem lässt sie die Faszination für diese gewaltigen Frachtbehälter nicht mehr los. Wohin sie auch reist, bringt sie neue Motive mit. Der Stempel mit Ort und Zeit macht jede Aufnahme zum Zeitzeugnis. Und wie in all ihren Arbeiten treibt MARTHE auch hier das Experiment weiter: Die knallbunten Fotografien lassen sich wie Container stapeln – aufeinander, nebeneinander, im Quadrat oder Dreieck.

Wenn Material mitarbeitet
MARTHE bewegt sich mit großer Neugier durch Techniken, Materialien, Ausdrucksformen und Farben. Ob grelle Containerfotografien, kreisrunde Collagen aus Läufern und alten Briefen ihres Großvaters oder Akte in zarten Pastellen auf grobem Leinen – vielleicht braucht es deshalb so viele Adjektive, um ihre Kunst zu beschreiben: big, small, naked, vibing, weird, raw.

Das rohe Leinen wirft sanfte Schatten und Wellen. Es fällt buchstäblich aus dem Rahmen, irritiert, provoziert – und verführt zugleich zum Anfassen. Zwischen kräftigen Rottönen und dunklen Verläufen schimmert das pure Gewebe hindurch. Obwohl MARTHE Schicht um Schicht aufträgt, verschwindet das Material nie ganz. Es bleibt sichtbar und wird Teil der Kunst.

Weberinnen in einer spanischen Manufaktur fertigen das Leinen auf großen Rollen für sie an. MARTHE reißt Werkstück für Werkstück von den Bahnen, lässt organische Kanten stehen und nutzt die meterhohen Formate für abstrakte Farben und Formen. „Bei jedem Bild besteht die Gefahr, die Fläche nicht zu bewältigen. Es ist immer wieder eine Herausforderung“, sagt sie über ihren Prozess. Gerade in dynamischen Strichen und leuchtenden Farben sucht sie bewusst nach Ruhepunkten für das Auge.

Bevor ein Bild entsteht, grundiert MARTHE das Leinen. Dann taucht sie in ihr Atelier ab, manchmal stundenlang, vergisst Zeit, Essen und Trinken. Mal gibt ein Wort den Impuls. Mal zoomt sie in frühere Arbeiten hinein, bis aus einem kleinen Ausschnitt eine neue Komposition wächst. Und manchmal trägt ein Bild eine Emotion: die Angst vor Zerbrechlichkeit, den Zustand von Isolation, das Echo einer Erfahrung.

Das Bild als Versuchsanordnung
Jedes Bild ist Kunstwerk und Versuchsanordnung zugleich. MARTHE experimentiert mit Technik und Material; sie bezeichnet sich selbst als „Technik- und Materialjunkie“. Diese Faszination begleitet sie seit ihrer Kindheit. Sie wuchs in der Werkstatt ihres Vaters auf, entwickelte früh Freude am Gestalten und Experimentieren und hatte auch vor schwerem Werkzeug keine Scheu.

MARTHE arbeitet nicht nur mit Rohleinen. Für den Druck auf dünnem Blech entwickelte sie eine eigene Technik: die Sentografie. Anders als bei klassischen Drucken auf Aludibond scheint das Metall auch nach dem Farbauftrag durch. Gezielt gekratzte Linien holen die Oberfläche ins Bild zurück und machen sie zum aktiven Bestandteil der Arbeit.

MARTHE, 1966 in Steyr in Österreich geboren, arbeitet interdisziplinär mit Malerei, Grafik, Installation und Objekten. Heute lebt sie in Regensburg, Augsburg und der nördlichen Oberpfalz. In ihrem ersten beruflichen Leben war sie Zahntechnikerin. Doch trotz aller handwerklichen Präzision fehlten ihr Freiheit und künstlerische Entfaltung.
Inzwischen stellte MARTHE von Hamburg bis Freiburg sowie in Frankreich, Österreich und Japan aus. Seit 2008 erhielt sie mehrere Auszeichnungen und arbeitete als Artist in Residence unter anderem in der Kunsthalle Below, in Freiburg und Berlin.


Kunst als Sprachrohr der Menschlichkeit 
Was all ihre Projekte, Zyklen und Ideen verbindet, ist die Suche nach Menschlichkeit – aus immer neuen Blickwinkeln. Ein besonders menschliches Projekt rief MARTHE gemeinsam mit der Laudatorin Barbara Wilmers-Hillenbrand ins Leben. Während ihre Mütter in den siebziger Jahren auf der Straße protestierten, machten Wilmers-Hillenbrand und MARTHE Kunst zu ihrem Sprachrohr.

In der Ausstellung „Pictures for the Human Rights“ übersetzen 30 Künstlerinnen und Künstler die 30 Menschenrechte in Bilder. MARTHEs Beitrag zeigt das Porträt eines Mannes: strahlend blaue Augen über einem Mund, den Fahrradschläuche zugenäht haben. So interpretiert sie Artikel 19 der Menschenrechte – das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit. Die Ausstellung reist seit 2019 durch die ganze Welt, sie war in diesem Winter für zwei Monate im Headquarter der UN in New York und ist ab Herbst in Genf im Europaparlament zu sehen.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, sagte Wilmers-Hillenbrand in ihrer Laudatio, dass diese Bilder nun in einer Hochschule hängen: an einem Ort des Denkens, des Austauschs und des Lernens. An einem Ort, an dem junge Persönlichkeiten reifen – im Studium, in der Arbeit und mit der Kunst an den Wänden.


big.small.weird.
Ausstellung von MARTHE  
DHBW Heilbronn 
Bis zum September 2026 
Wochentags von 8:00-17:00 Uhr

Mehr Informationen zu Marthe auf ihrer Webseite. 
www.kunstquartier-regensburg.de