Retail Innovation Days zeigen Zukunft des Handels
Bei den 11. Retail Innovation Days der DHBW Heilbronn standen aktuelle Zukunftsfragen des Handels im Mittelpunkt: Wie verändern Künstliche Intelligenz, Retail Media, neue Store-Konzepte, internationale Plattformmodelle, Community Building und Verhandlungsexzellenz die Branche? In 20 Vorträgen mit 28 Referentinnen diskutierten Expertinnen aus Handel, Technologie, Beratung, Wissenschaft und E-Commerce die zentralen Entwicklungen im Retail.
Wie wird aus Innovation echter Kundennutzen?
Ein zentraler Themenblock widmete sich der Frage, wie Innovationen im Handel entstehen, erfolgreich umgesetzt werden und langfristig Wirkung entfalten können. Dr. Steffen Greubel, CEO der METRO AG, gab Einblicke in die Transformation des internationalen Großhändlers. METRO ist heute in 33 Ländern aktiv und beschäftigt rund 84.000 Mitarbeitende. Nach einer Phase der strategischen Neuausrichtung stehe für das Unternehmen wieder Wachstum im Fokus – verbunden mit digitaler Weiterentwicklung, Multichannel-Lösungen und einer stärkeren Kundenorientierung.
Transformation bei METRO und Schwarz Digits
Greubel zeigte unter anderem, wie METRO digitale Lösungen aus dem Cash-and-Carry-Geschäft heraus weiterentwickelt, Lieferprozesse stärkt und mit Angeboten wie DISH beziehungsweise DISH AI oder digitalen Marktplatzmodellen neue Services für Kund*innen schafft. Eine zentrale Botschaft: Innovation müsse gebündelt, fokussiert und konsequent am Nutzen für die Kund*innen ausgerichtet werden.
Auch Robert Jozic von Schwarz Digits setzte sich mit den Grundlagen erfolgreicher Transformation auseinander. Im Zentrum seines Beitrags stand die digitale Souveränität. Angesichts der Geschwindigkeit technologischer Veränderungen müssten Unternehmen Abhängigkeiten erkennen, Daten nutzbar machen und den Mut zur Transformation entwickeln. Daten allein seien noch keine Innovation – entscheidend sei, daraus konkrete Anwendungen und Mehrwerte zu schaffen.
Warum scheitern viele Innovationen?
Die wissenschaftliche Perspektive ergänzten Daniela Wiehenbrauk und Sandra Baethge mit der Innovationsstudie der DHBW Heilbronn. Die Studie griff unter anderem die Frage auf, warum viele Innovationen scheitern. Ein wesentliches Ergebnis: Innovation ist nicht allein eine Frage der Neuheit, sondern vor allem des konkreten Nutzens. Kund*innen seien häufig nicht bereit, für komplexe Anwendungen mehr zu bezahlen. Erfolgreiche Innovationen müssten daher einfach, relevant und verständlich sein.
Innovationskraft im Mittelstand
Dass Innovationskraft nicht nur bei großen Konzernen oder Start-ups entsteht, zeigte das Panel zu Innovationen im Mittelstand. Mit Beiträgen von Prechtl Lebensmittelmärkte, Lengermann & Trieschmann sowie dem Bekleidungshaus Wahl wurde deutlich, wie praxisnah und wirksam mittelständische Handelsunternehmen neue Technologien einsetzen.
Wie helfen Kundentracking, Heatmaps und RFID im stationären Handel?
Prechtl Lebensmittelmärkte nutzt KI-gestütztes Kundentracking und Heatmaps, um Kundenwege im Markt besser zu verstehen. Dadurch lassen sich Store-Design, Flächenplanung und operative Abläufe verbessern. Die Analysen zeigen beispielsweise, wo Engstellen entstehen oder Prozesse im Markt angepasst werden müssen.
Das Bekleidungshaus Wahl berichtete über den Einsatz von RFID-Technologie. Rund 24.000 Artikel wurden mit RFID-Etiketten ausgestattet. Dadurch lassen sich Waren schneller lokalisieren, Verfügbarkeiten besser sichern und Inventurprozesse erheblich beschleunigen. Die Inventur kann nun in rund eineinhalb Stunden durchgeführt werden.
Lengermann & Trieschmann zeigte, wie der stationäre Handel durch Erlebnisflächen und digitale Technologien weiterentwickelt werden kann. Neben bekannten Erlebnisformaten wie der Surfwelle setzt das Unternehmen auf digitale Preisetiketten und datenbasierte Analysen. So kann besser nachvollzogen werden, welche Artikel Kund*innen auswählen, welche Größen gefragt sind und wie sich Sortimente im stationären Geschäft entwickeln.
Mut, Daten und Fehlerkultur
Ein gemeinsames Learning des Panels: Innovation braucht Mut, Umsetzungskraft und eine Fehlerkultur, die Lernen ermöglicht. Gerade im Mittelstand zeigt sich, dass neue Technologien dann erfolgreich sind, wenn sie konkrete operative Probleme lösen, Mitarbeitende einbinden und schnell in der Praxis getestet werden.
Welche Wachstumschancen eröffnet Künstliche Intelligenz?
Künstliche Intelligenz war eines der verbindenden Themen der Retail Innovation Days. Diskutiert wurden Einsatzmöglichkeiten in Warenwirtschaftssystemen, Lieferketten, Produktentwicklung, Kundenansprache und Store-Optimierung.
KI im operativen Handel
Im Bereich Warenwirtschaft und Fulfillment wurde deutlich, dass KI weit über Marketinganwendungen hinausgeht. Präzise Bestandsdaten, verlässliche Lieferzusagen und intelligente Prozesssteuerung sind zentrale Voraussetzungen für Kundenzufriedenheit und wirtschaftlichen Erfolg. KI kann helfen, Lieferoptionen in Echtzeit zu bewerten, Warenströme effizienter zu steuern und bestehende Prozesse flexibler zu gestalten.
Auch bei Produktinnovationen und Marktchancen eröffnet KI neue Möglichkeiten. Trends können schneller erkannt, Sortimente datenbasiert angepasst und Bedürfnisse der Kundinnen gezielter adressiert werden. Gleichzeitig wurde deutlich: KI ersetzt keine fehlende Datenbasis. Unternehmen müssen ihre Prozesse, Kundinnen und Daten verstehen, damit Technologie wirksam eingesetzt werden kann.
Wie werden Händler zu Medienplattformen?
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Retail Media. Beiträge von REWE, OBI Advertising und YouGov zeigten, wie Handelsunternehmen zunehmend zu datenbasierten Medienplattformen werden.
Retail Media als strategische Plattform
REWE stellte die Relevanz von Retail Media im Zusammenspiel von App, Loyalty-Programmen, stationären Märkten und digitalen Angeboten heraus. Mit Millionen App-Nutzerinnen, dem REWE Bonus Loyalty-Programm, rund 3.800 Stores und weiteren digitalen Touchpoints entstehen neue Möglichkeiten, Kundinnen in konkreten Kaufsituationen gezielt anzusprechen. Retail Media wird damit zu einem wichtigen Bestandteil moderner Werbestrategien.
Hannah Kmoch, Head of Revenue bei OBI Advertising, zeigte, dass Retail Media weit mehr ist als ein zusätzlicher Werbekanal. Vielmehr entsteht eine datengetriebene Full-Funnel-Plattform, die Reichweite, Kaufintention und Abverkauf miteinander verbindet. Freiwillig geteilte Kundendaten, etwa über Apps, ermöglichen personalisierte Angebote und relevante Kommunikation entlang der gesamten Customer Journey.
YouGov ergänzte die Perspektive um Daten, Zielgruppenverständnis und Wirkungsmessung. Für Retail Media sind Transparenz, belastbare Marktforschung und ein klares Verständnis der Kund*innen entscheidend, damit Händler und Marken passende Inhalte im richtigen Moment ausspielen können.
Was kann der europäische Handel von China lernen?
Internationale Perspektiven bot der Themenblock zum Blick nach Asien und zur Reise nach Peking. Nick Dietl gab Einblicke in Entwicklungen des chinesischen Handels und zeigte, welche Faktoren das starke Wachstum des E-Commerce in China ermöglicht haben: urbane Verdichtung, kostengünstige Zustellnetze, hochpräzise Geolokation und ein konsequenter Mobile-First-Ansatz.
Am Beispiel chinesischer Handelsformate wie Wu Mart wurde deutlich, wie stark Convenience, digitale Infrastruktur und Lieferfähigkeit miteinander verbunden sind. Auch Entwicklungen wie der Rückgang klassischer Hypermarktstrukturen, Everyday-Low-Price-Modelle und der wachsende Markt für Fresh Convenience wurden diskutiert.
China als digitale Zeitmaschine
Björn Ognibeni ordnete China als „digitale Zeitmaschine“ ein. In seinem Beitrag zu Alldomain Commerce und Omnichannel zeigte er, dass chinesische Plattformmodelle Handel, Community, App-Nutzung, KI und Supply Chain sehr eng miteinander verzahnen. Plattformen wie SHEIN, Temu oder Alibaba machten sichtbar, wie stark sich Handelslogiken international verändern.
Lutz Reulecke von SHEIN DACH stellte das datengetriebene Geschäftsmodell des internationalen Online-Händlers für Mode und Lifestyle vor. SHEIN arbeitet mit einem On-Demand-Lieferkettenmodell: Zunächst werden kleine Chargen produziert, erst bei tatsächlicher Nachfrage wird nachproduziert. So sollen Überproduktion reduziert, Trends schneller aufgegriffen und Vielfalt zu erschwinglichen Preisen ermöglicht werden.
Warum werden Communitys und Love Brands immer wichtiger?
Mehrere Beiträge zeigten, wie wichtig Community Building und emotionale Markenbindung für den Handel werden.
ROSSMANN gab Einblicke in die Entwicklung innovativer Private Labels und den Aufbau von Love Brands. Mit rund 5.500 Artikeln und 28 ROSSMANN-Marken spielen Eigenmarken eine zentrale Rolle. Innovationen entstehen durch Trendbeobachtung, schnelle Umsetzung und ein gutes Verständnis dafür, welche Themen für ROSSMANN-Kundinnen relevant sind. Beispiele wie Korean Skincare zeigen, wie schnell Trends aufgegriffen und erfolgreich in den Markt gebracht werden können. Social Media, Influencerinnen und Skinfluencer verstärken die Markenbindung zusätzlich.
Community Power als Geschäftsmodell
Astrid Reintjes, Co-Founderin und Geschäftsführerin von MissPompadour, zeigte, wie Community-Power ein Geschäftsmodell prägen kann. Die 2019 gegründete D2C-Marke verkauft Farbe online und setzt konsequent auf Beratung, Vertrauen und Austausch. Eine geschlossene Facebook-Gruppe mit mehr als 100.000 Mitgliedern bildet weiterhin das Herzstück der Community. Ergänzt wird sie durch WhatsApp, Instagram, TikTok, YouTube, Influencer-Kooperationen und eine eigene App. Der Schritt in den stationären Handel, unter anderem in 162 HORNBACH-Filialen, zeigt, wie digitale Nähe und physische Präsenz zusammenspielen können.
Welche Rolle spielt die stationäre Fläche künftig?
Auch die Rolle der stationären Fläche wurde intensiv diskutiert. Im Fokus stand die Frage, welche Funktionen Geschäfte künftig übernehmen können. Der stationäre Handel ist längst nicht mehr nur Transaktionsort. Er kann Showroom, Service Hub, Community-Treffpunkt, Erlebnisfläche, Lernort oder Logistik-Hub sein. Entscheidend ist, dass Händler bewusst definieren, welche Rolle ihre Fläche erfüllen soll.
Fläche als Erlebnis-, Service- und Logistikraum
Tchibo zeigte am Beispiel des Depot-Modells, wie kuratierte Sortimente Impulskäufe auslösen und Flächenproduktivität steigern können. Mit rund 15.000 Depots im Einzelhandel und 550 eigenen Stores verbindet Tchibo stationäre Präsenz mit digitaler Integration. Wechselnde Wochensortimente, datenbasierte Sortimentssteuerung und die Einbindung in tchibo.de schaffen zusätzliche Möglichkeiten für Handelspartner.
Blume 2000 zeigte, wie sich ein Unternehmen vom klassischen Blumenhändler zur Lifestyle-Marke weiterentwickeln kann. Alexander Zoern aus der Geschäftsleitung der Blume 2000 SE erläuterte, wie Blumen heute über Farben, Stimmungen und Moodboards inszeniert werden. Frische, Nachhaltigkeit, Geschwindigkeit und emotionale Ansprache spielen dabei eine zentrale Rolle.
Warum wird Verhandlungsexzellenz zur strategischen Kompetenz?
Der zweite Veranstaltungstag rückte außerdem das Thema Verhandlungen in den Fokus. Dr. Sabrina Marx von PricewaterhouseCoopers GmbH zeigte, warum professionelles Verhandlungsmanagement in einem hochkompetitiven Umfeld an Bedeutung gewinnt. Gute Verhandlungen entstehen demnach nicht durch Härte, sondern durch Verständnis. Entscheidend sei, die Interessen der Gegenseite zu erkennen, Fragen zu stellen, zuzuhören und Verhandlungen strukturiert vorzubereiten.
Verhandlungskompetenz in der Organisation
Im anschließenden Panel „Verhandlungsexzellenz als Wettbewerbsvorteil: Innovative Organisationsmodelle aus der Praxis“, moderiert von Prof. Dr. Michel Mann von der DHBW Heilbronn, diskutierten Dr. Sabrina Marx und Leander Riedel, Director of EMEA Deal Desk bei Celonis SE, wie Unternehmen Verhandlungskompetenz organisatorisch verankern können. Riedel gab Einblicke in die Arbeit eines Deal Desks, der komplexe Sales-Prozesse begleitet, Entscheidungskompetenzen bündelt und kreative Lösungen für Kundensituationen entwickelt. Auch der Einsatz von KI in der Verhandlungsvorbereitung wurde thematisiert.
Wer überzeugte beim Retail Innovation Award 2026?
Ein weiterer Höhepunkt war der Retail Innovation Award 2026. Der Wettbewerb verzeichnete mehrere Premieren: Erstmals richtete sich der Award nicht nur an Start-ups, sondern an Handelsunternehmen jeder Größe. Insgesamt gingen 49 Einreichungen ein. 88 Prozent der Lösungen befinden sich bereits in der Pilotierung oder im Live-Rollout, 55 Prozent nutzen KI und Automatisierung. Bewerbungen kamen unter anderem aus Deutschland, Tschechien, Israel, Portugal, Großbritannien und den Niederlanden.
Die Finalisten des Retail Innovation Award
Die Fachjury wählte drei Finalisten aus: fulfillmenttools, Sensei und Trigo. fulfillmenttools präsentierte ein Agentic Order Management System, das Bestände, Lieferoptionen und Fulfillment-Prozesse in Echtzeit optimiert. Sensei aus Portugal stellte KI-gestützte Technologie für autonome Stores vor, mit der ein digitaler Zwilling des stationären Geschäfts entsteht. Trigo zeigte eine Lösung zur Real-Time Loss Prevention, die vorhandene Kamerasysteme nutzt, um Verluste durch Diebstahl oder Fehlscans zu reduzieren. Die 500 Personen im Publikum wählten Sensei zum Sieger des Retail Innovation Award.
Welche Rolle spielt die DHBW Heilbronn als Plattform für Retail Innovation?
Die DHBW Heilbronn bot mit den Retail Innovation Days 2026 eine Plattform, auf der Wissenschaft und Praxis miteinander in den Austausch traten. Die zentrale Erkenntnis: Der Handel der Zukunft wird digitaler, datenbasierter und technologisch offener – bleibt aber zugleich ein Beziehungsgeschäft, in dem Vertrauen, Kundennähe und Umsetzungsstärke entscheidend sind.































