Chefvolkswirt Burkert über rote Schwäne, Fehlprognosen und unsichere Zeiten.
Banker unter sich: Prof. Dr. Otto Weidmann begrüßt den Leiter Research der LBBW und den renommierten Analysten Uwe Burkert.
Keine Rezession in den Zuschauerreihen: Burkert sprach vor einer vollbesetzten Aula.

"Wir leben in einem Zeitalter der Hyperunsicherheit."

"Wir leben in einem Zeitalter der Hyperunsicherheit."

25. Oktober 2017

Der Chefvolkswirt der LBBW Uwe Burkert, Referent des Students' Executive Talk, prognostiziert in unsicheren Zeiten: Migrationsbewegungen, digitale Umwälzungen, geopolitische Krisen und nicht zuletzt Staatschefs, die es sich zur Aufgabe gemacht unvorhersehbar zu agieren. Unter seiner Leitung hat sich das Credit Research LBBW zu einem der renommiertesten Teams im deutschsprachigen Raum entwickelt, 2013 übernahm er das Amt des Chefvolkswirts der Landesbank Baden-Württemberg. Beim Studium Generale am 24. Oktober 2017 spricht er offen und mit Selbstironie über Fehlprognosen und spannende bewegte Zeiten, in denen die Studenten der DHBW Heilbronn ihre Laufbahn starten.

„Wir leben in einem Zeitalter der Hyperunsicherheit.", so Burkert. Obwohl uns mehr Daten zur Verfügung stehen, minimiert diese Zahlenflut nicht die Spekulationen. Seit der US-Präsidentenwahl gibt es wöchentlich überraschende Aussagen, Freihandelsabkommen stehen auf der Kippe, der Brexit stellt die Europäische Union in Frage. Daher lautete der Rat des Chefvolkswirts an die zukünftigen Betriebswirte: „Bleiben Sie beweglich und bewahren Sie sich einen kritischen Blick".

Als Meister der Zahlen und Tabellen geht Burkert schnell durch das breite Spektrum der Prognose-Instrumente und zeigt, wie die reale Wirtschaft mittlerweile theoretische Annahmen überholt hat. So findet zum Beispiel der Handel mit digitalen Gütern immer noch keinen vollständigen Eingang in die Statistiken. Das merkt man z.B. an den Preisen für Handelsgüter, die online viel schneller fallen als im stationären Einzelhandel. Burkert geht sogar weiter und stellt die Frage in den Raum, ob die Digitalisierung eine neue industrielle Wende einleitet? Die Zahlen sprechen dafür: Der digitale Handel wuchs um zehn Prozent, die digitale Kommunikation um 30 Prozent und 65 Prozent aller Services werden mittlerweile digital abgewickelt.

Fehlprognosen sind selbst für zentrale Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF), der sich mitten im Blutkreislauf der Wirtschaft befindet, keine Seltenheit. Als 2008 die Finanzkrise mit aller Macht zuschlug und sich tief in das Gehirn der Unternehmen brannte, erwartete der IWF ein Wirtschaftswachstum. Auch professionelle Analysten sind nicht gefeit vor menschlichen Fehlern. Wer malt schon gern freiwillig eine schwarze Zukunft? Gerade die USA leiden unter einem strukturellen Optimismus, die Inflation und die Arbeitslosenzahlen werden permanent überschätzt.

Bei all den Fehlschlägen hält Burkert die Analyse für unabdingbar. Der Reichtum und die Menge an Daten machen die Arbeit einer Research-Abteilung vielfältig. Aber Analysten brauchen neben einem mathematischen Verstand auch Kultur- und Sprachkenntnisse und ein Gespür für wiederkehrende Abläufe. Erfolgreiche Prognostiker sind auf der Suche nach sogenannten roten Schwänen, plausiblen Ereignissen, die auf Anekdoten basieren, aber nicht unwahrscheinlich sind. Ein Beispiel: Die Amerikaner hätten sich 1980 eigentlich nicht über den Ausbruch des Mount St. Helens wundern müssen, schließlich war er den Indianerstämmen als Feuerberg bekannt. Schade, wenn man diesen Namen lediglich als Legende und nicht als Information betrachtet.

Nach einer erfolgreichen Altersvorsorge gefragt, erhielten die Studierenden überraschend die Antwort: „Leben Sie gesund." Sonst setzt Burkert eher auf Gold als auf Bitcoins, sieht zu Aktien als Altersvorsorge keine Alternative und empfiehlt den Bankberater als Sparringspartner für finanzielle Entscheidungen. Ob er damit richtig liegt, wird die Zukunft zeigen.