Gregor May über eine alternative Unternehmenskultur
Marketingexpertin Prof. Dr. Zajontz begrüßt Gregor May
Ganz viel Neues, Unglaubliches und Utopisches - eine BWL-Vorlesung der anderen Art
Begeisterung beim letzten GenSity-Vortrag

Premium Cola – das gelungene Experiment

Premium Cola – das gelungene Experiment

24. Februar 2017

Beim letzten GenSity-Vortrag an der DHBW Heilbronn gab es erstaunte, skeptische, aber auch begeisterte Gesichter: Vieles, was die rund 40 Studentinnen bisher in ihren BWL-Vorlesungen gelernt haben, scheint heute gegenstandslos. Gewinnmaximierung als höchster Unternehmenszweck, exzessive Werbepläne und hohe Managergehälter? Premium Cola tickt anders: Einheitslöhne, Wachstum ohne Werbung und Mitbestimmung für alle. Das klingt nach einem Gerechtigkeitsideal und einer Utopie und doch funktioniert es schon seit 15 Jahren.

Auch für Gregor May, Gebietsleiter bei Premium Cola und demnächst auch für Heilbronn verantwortlich, fühlt es sich oft noch an wie ein Experiment und die Geschichte dahinter klingt wie ein kleines Märchen.
Uwe Lübbermann, der Gründer des Kollektivs, wollte den Abend bei seiner Lieblingscola ausklingen lassen und wurde unangenehm überrascht: Mit einem Unternehmensverkauf hatte sich auch die Rezeptur verändert. Als Kunde hatte er davon leider nichts mitbekommen. Lübbermann richtete eine Mailingliste ein, trug alle Details über den Verkauf zusammen und informierte jeden, der es wissen wollte. Bald hatte die Liste über 200 Abonnenten.

Glücklicherweise blieb nach dem Verkauf die Rezeptur der alten Brause beim Hersteller. Was als Retroparty mit einer Abfüllung von 1.000 Flaschen begann, wurde zum Selbstläufer. Die Nachfrage wuchs schnell auf das Zehnfache. Nach einigem Hin-und-Her stieg Lübbermann als absoluter Branchenneuling in die Getränke-Industrie ein. Und da er keine Ahnung hatte, holte er sich Experten an einen Tisch und taufte ihn „Golden Pudel Club“. Seine Experten, das waren keine Unternehmensberater, sondern der Gastronom um die Ecke, der Premium-Cola-Trinker, Abfüller und Lastwagenfahrer. Und wenn man schon ein neues Produkt kreiert, dann kann man auch gleich alles besser machen als andere. Also wurde aus der neue Cola ein Getränk, das auf Gleichwertigkeit basiert.

Pro Woche wird – immer noch über die bewährte Mailingliste – eine Entscheidung im Kollektiv getroffen. In 15 Jahren machten nur sieben Mitglieder von ihrem Vetorecht Gebrauch, es gab einen dringenden Notentscheid, als Etiketten über Nacht produziert werden mussten. Doch auch daraus hat das Kollektiv gelernt und den Zeitpuffer vergrößert.

Werbung bezeichnen die Macher von Premium Cola schon mal gern als Manipulation, das Produkt funktioniert auch ohne Werbung. Umso erstaunlicher, da die Gründerväter genau aus dieser Branche kommen. Informationsverbreitung folgt dem Pull-Prinzip: „Von uns hört ihr nichts, es sei denn, ihr bemüht euch darum.“ Und die Informationen auf der Webseite sind umfangreich: Preise und Kosten werden bis zum letzten Cent transparent gemacht, neue Gastronomie-Partner vorgestellt und es steht die Einladung an jeden mitzumachen.

Und wer jetzt denkt, davon kann man doch nicht leben, der irrt sich wieder. Mittlerweile zahlt Premium Cola seinen aktiven Mitgliedern einen Stundenlohn von rund 20 Euro – das ist das Doppelte der branchenüblichen Vergütungen. Eine andere Frage der Ungläubigen aus dem Publikum betraf die Marktforschung: Was wisst Ihr über Euren Kunden, wenn Ihr keine Marktforschung betreibt? Bei vielen Kunden, so May, wissen wir nicht, warum sie dabei sind. Ob sie wegen der Philosophie, dem Geschmack oder wegen der Subkultur zur Cola-Flasche greifen. Aber viele Neuerungen – vegane Produkte und eine CO2-freie Produktion zum Beispiel – waren Ideen der Kunden aus dem Premium-Kollektiv.

Fast scheint es, als könnte es auch jedes andere Produkt sein. Als ob Premium Cola rein zufällig da war, um eine neue Idee zu leben. Denn May und seine Mitstreiter sind oft unterwegs, um bei Unternehmen, Institutionen oder an Hochschulen über ihr Kollektiv, bedarfsorientierte Führung und die gerechte Brause zu sprechen. Auch May kam zu Premium, nach seiner Arbeit als Archivar und Streetworker, absolut überzeugt, dass es so nicht funktionieren kann. Und er blieb, schon zehn Jahre lang. Vielleicht werden auch einige Studentinnen die Seiten wechseln – auf die „dunkle“ Seite des Kapitalismus und sich dem Premium Kollektiv anschließen. Zumindest könnte man es aus den begeisterten Reaktionen vermuten.